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Outdoortraining für Auszubildende

04. Juli 2022

UNTERWEGS-SEIN, NEUES ENTDECKEN, GRENZEN ERWEITERN. 

„Esst nicht zu viel. Nach dem Abendessen gibt es die Wassermelone. Was bin ich froh, dass ich die jetzt nicht mehr tragen muss! Drei Stunden schleppe ich sie schon im Rucksack und sie ist verdammt schwer, die wiegt bestimmt zehn Kilo. Wer wollte die eigentlich mitnehmen? Was fürein Quatsch! Und warum habe ich gesagt, dass ich sie schleppe? Wer hat die Verantwortung für die Verpflegung?“ 

(Leon)

Zehn Auszubildende eines Großunternehmens bilden eine von acht Gruppen und haben sich im Sauerland auf den Weg gemacht. Sie haben ihren Seminarort, das wärmende Bett und das Frühstücksbuffet verlassen und wollen in zwei Tagen wandernd ihr gemeinsames Ziel in einem ehemaligen Steinbruch im Meisterstein erreichen. Ein Foto des darin liegenden smaragdgrünen Bergsees lässt ein Leuchten in ihren Augen hervorscheinen und erhöht ein wenig die Motivation, selbst bei denjenigen, die sich bereits vor dem Start auf den Tag der Rückreise freuen. Einen Vormittag hatten sie Zeit, um ihre Durchquerung des Sauerlands zu planen.

Vorbereitung

In Bewegung bleiben, sich und die anderen der Gruppe besser kennenlernen, so könnte man das Vorhaben beschreiben. Es geht um die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen. Es geht um Verantwortungsbewusstsein, um Organisationsfähigkeit, um Kommunikationsfähigkeit und um Eigeninitiative. Es geht aber auch um die Auseinandersetzung mit widrigen Situationen, mit Grenzen, mit Neuem und mit Gemeinschaft.  

Das notwendige Material wie Rucksack, Schlafsack, Isomatte und Kochausrüstung wird den Teilnehmenden zur Verfügung gestellt. Bei dem weiteren Material müssen sie sich allerdings entscheiden: Wie viele Tarps und Planen wollen sie mitnehmen, um sich eine Biwak-Unterkunft zu bauen? Wieviel Brennmaterial benötigen Sie für die Kocher? Was ist mit der Verpflegung? Auf einem Tisch ist ein Lebensmittelbasar vorbereitet. Hier können sie sich für die nächsten drei Tage (3x Frühstück, 3x warmes Abendessen, 3x Unterwegs-Verpflegung) bedienen. Allerdings sollten sie im Blick haben, dass sie all das, was sie mitnehmen, auch tragen müssen. Hierzu gehört auch zu überlegen, was an persönlichen Gegenständen notwendig sein wird. Und das ist ein ganz wichtiger Prozess, da er die Auseinandersetzung mit einer zukunftsfokussierten Haltung fördert. Es ist das Durchdenken und Vorwegnehmen dessen, was passieren könnte. Es ist die Entwicklung einer Sensibilität für noch verborgene Möglichkeiten, denn die Folgen möglicher hereinbrechender Widerstände (z.B. Kälte, Nässe…) können beträchtlich sein. Die Auseinandersetzung mit dieser Haltung wird ein wichtiges Thema der Transferreflexion mit den Trainer:innen sein.

Alle Auszubildenden übernehmen eine Rolle (Tagesmanagement, Verpflegungsmanagement…) in diesem Projekt und erhalten dazu eine Einweisung, um die Aufgabe gut erfüllen zu können. Hierzu gehört neben den rein technischen Informationen z.B. zu Karte und Kompass, dem richtigen Rucksackpacken und der Materialeinführung auch, dass die Verantwortlichen die jeweiligen Rahmenbedingungen kennen. So erhalten die für die Navigation zuständigen Personen u.a. einen definierten Verhaltenskatalog für den Aufenthalt in der Natur. Sie bekommen die Karte mit den geschützten Gebieten und müssen das Umlaufen dieser in ihre Planung einbeziehen.

Alles was sie nicht wissen, wo sie auf bisherige Erfahrungen nicht zurückgreifen können, können sie noch schnell recherchieren. Oder sie sprechen die Trainer:innen und die Ausbilder:innen an, die gerne ihre Expertise weitergeben.

Aufbruch

Die Wanderung soll um 13:00 Uhr starten. Vor der Gruppe liegt eine Halbtagestour. Sind sie pünktlich und haben sie alles dabei? Schnell erinnert Marie, die Tagesmanagerin, vor dem Verlassen der sicheren Unterkunft nochmal an die wichtigen Gegenstände. Marie achtet darauf, dass die Gruppe ihr Tagesziel erreicht. Sie schaut u.a. auch nach der Stimmung in der Gruppe, schließlich ist es wichtig, dass alle motiviert sind und bleiben. Da alles klar scheint, kann es losgehen.
Wir, die Trainer:innen halten uns zurück, gehen den Weg mit ihnen, geben angemessenen, protektiven Raum für Erfahrungen und unterstützen im Sinnen einer beratungsorientierten (Zurück-)Haltung.

Die Verantwortung liegt nun zunächst bei Lukas, der die Aufgabe der Orientierung übernommen hat, die Arbeit mit Karte und Kompass. Welchen Weg wählt er, um zu dem ersten Übernachtungspunkt zu kommen, einem Bauernhof am Waldrand in der Nähe eines kleinen Dorfes? Holt er sich Unterstützung ein, wenn er sich bei der Routenwahl nicht sicher ist? Beteiligt er die anderen an seiner Planung? Denkt er an die unterschiedlichen Steigungen und die damit verbundenen Anstrengungen? Wie werden der Weg und die Tageszeit abgestimmt? Wird die Leistungsfähigkeit der Gruppe realistisch eingeschätzt?

Natürlich können ese am Anfang noch nicht alles wissen. Das ist genauso wie in der Ausbildung. Wissen wird ihnen vermittelt und sie müssen es nun in der Praxis anwenden. Häufig lässt sich nicht alles 1:1 übertragen. Lösungen für eine Problemstellung müssen gefunden werden. Aber den Auszubildenden sollte klar sein, dass sie sich zunächst mit dem Thema selber auseinandersetzen, dass sie sich eigenständig um eine Problemlösung kümmern, bevor sie die Ausbilder:innen nach Unterstützung fragen. Wie gelingt das Lukas und den anderen?

Mit kleineren Umwegen, die am Ende des Tages besprochen werden, erreicht die Gruppe ihr Ziel. Leicht erschöpft und froh, angekommen zu sein, lassen sie sich auf ihren Rucksäcken nieder. Das Wetter ändert sich und graue Wolken ziehen heran, der Übernachtungsplatz auf der Wiese muss dringlichst eingerichtet werden, um nicht durch den zu erwartenden Regen und daraus folgender Nässe auszukühlen. Paul, der Biwakmanager, fragt nach den notwendigen Materialien und erläutert, wie er die Tarps aufbauen will, damit alle einen wettergeschützten Übernachtungsplatz haben und sie in Ruhe essen können. Er hat sich ausführlich mit den unterschiedlichen Aufbauarten auseinandergesetzt und entscheidet sich für eine Variante. Das Material war leider nicht vollständig, eine Tarpstange fehlte. Ziemlich betroffen steht Paul da und ärgert sich: Wie sollen sie jetzt trocken bleiben? Lara hat die Idee, zwei der mitgenommenen Wanderstöcke zusammenzubinden und als Ersatzstange zu nutzen. Das funktioniert und das Biwakcamp steht.
Im Anschluss greift Katrin, die Trainerin, das Thema der fehlenden Tarpstange auf und stellt Bezüge zu vermeidbaren und zu intelligenten Fehlern her. Erstere deuten auf Nachlässigkeit hin und sind zu vermeiden. Intelligente Fehler können passieren und das Unternehmen kann daraus Neues entwickeln.

Alle können trotz leichten Nieselregens in Ruhe essen. Einzelne denken mit Paul nochmal über das Missgeschick des fehlenden Materials nach und überlegen, ob das vermeidbar oder gar intelligent war und was sie aus dem „Fehler“ lernen können. Sie schlafen die erste Nacht draußen – warm, trocken und satt.  

Unterwegs-Sein

In der Nacht hat es noch leicht geregnet, aber das frühmorgendliche Wetter zeigt sich wieder von einer besseren Seite. Während Paul dafür sorgt, dass die Tarps trocken verpackt werden, erläutert Laura, die Materialmanagerin nochmal den Umgang mit den Kochern. Sicherheit geht vor und Verletzungen dürfen nicht passieren. Sie war sich nicht sicher, ob am Vorabend alle richtig zuhören konnten. Zu sehr war die Gruppe mit den widrigen Situationen beschäftigt: Freude über das Ankommen, Erschöpfung vom Rucksacktragen, der einsetzende Regen und die fehlende Tarpstange.
Auch im Arbeitsalltag kommt man manchmal nicht zur Ruhe. Neue oder unerwartete, ungeplante Aufgaben werden an die Lernenden gestellt. Und sie müssen sich motivieren, auch diese Herausforderungen anzunehmen. Das gelingt manchen besser und manchen noch nicht so gut.
Es ist wichtig, als Trainer:in von außen diese Unterschiede wahrzunehmen und sie in die abendlichen Gespräche am kleinen, aber wärmenden Lagerfeuer einfließen zu lassen.  

Marie überträgt ihre Verantwortung an Jana, die nun am zweiten Tag die Rolle der Tagesmanagerin übernimmt. Jana ruft die Gruppe für eine letzte Besprechung zusammen, holt sich alle Informationen von den unterschiedlichen Projektleitungen (Material-, Versorgungs-, Biwak- und Orientierungsmanagement) ein und fasst das Wesentliche zusammen. An diesem Tag liegt eine etwa 11km lange Etappe vor ihnen. Das sollte gut zu schaffen sein, allerdings müssen sie eine Strecke von etwa 5km querfeldein, nach Marschzahl und mit Kompass gehen. In dem waldreichen und recht steilen Gelände bedeutet das ständiges peilen, peilen und peilen. Ungenaues Peilen heißt, das Ziel zu verfehlen und einen großen Umweg zu gehen. Auf einer Distanz von etwa 4km führt eine Abweichung von 2° bereits zu einem Verfehlen des angepeilten Zieles von fast 1km. Genaues Arbeiten und eine antizipierende Unterstützung in der Gruppe werden in diesem weglosen Gelände erforderlich sein, um das Ziel so schnell und so genau wie möglich zu erreichen. Gut, dass die Wassermelone bereits gegessen wurde.

Jana checkt nochmal den Lagerplatz und ist sehr zufrieden, dass sie den Platz so verlassen, wie sie ihn vorgefunden haben. Das zeigt nicht nur einen sensiblen und nachhaltigen Umgang mit der Natur, sondern deutet auch auf ein Dankeschön an die Familie hin, die ihnen gegen ein wenig Holzhacken die Wiese als Lagerplatz sowie frische Ziegenmilch am Morgen zur Verfügung gestellt hat. Jetzt kann die nächste Etappe beginnen.

Sich auf neue Wege zu begeben, fordert die Auszubildenden heraus. Nicht für alle ist das ein bequemer Weg. Für uns ist das Verlassen der gewöhnlichen Wege eine Metapher für individuelle Entwicklungschancen der Auszubildenden. Die Orientierung mit Hilfe eines Kompasses, das Überwinden steiler Berge und natürlicher Hindernisse auf dem Weg stellt eine besondere Herausforderung dar, die nur mit guter Kommunikation und wechselseitiger Unterstützung bewältigt werden kann. Umwege dürfen dabei möglich sein, die im Sinne einer fehlerfreundlichen Kultur als wichtige Erfahrungen für zukünftiges Handeln von den Trainer:innen angesprochen und reflektiert werden.  

Ankommen

Nach 2,5-tägiger Wanderung erreicht die Gruppe das Ziel. Der Blick von oben auf den Bergsee lässt alle nahezu verstummen, so herrlich liegt er eingekesselt im alten Steinbruch. Das ist ein würdiges Ziel. Das letzte Biwak wird aufgebaut und dann kann endlich der Schweiß mit einem Bad im kalten, klaren Bergsee „abgeduscht“ werden. Was für eine Erholung für die Füße.  

Das gemeinsame Abendessen wird im Vergleich zu den vorhergehenden Essen noch stärker zelebriert. Es ist eine Gemeinschaft entstanden, die sich auf Unbekanntes eingelassen, einen langen Weg bewältigt und Höhen und Tiefen teilweise bei sich selbst und/oder bei anderen erlebt hat. Beim anschließenden Lagerfeuer werden die Geschichten des Wanderns, des Biwakierens und des „Omnia mea mecum porto“ (Alles was ich besitze, trage ich bei mir!) ausführlich erzählt, kommentiert und subjektiv verarbeitet.

Transfer

Die Auszubildenden freuen sich auf den morgigen Tag. Sie werden im Steinbruch gemeinsam klettern gehen, sich aus recht großer Höhe abseilen und sich gegenseitig durch herausfordernde Kletterpassagen begleiten und helfen. Der Fokus liegt noch einmal auf dem individuellen Umgang mit Herausforderungen und welche Unterstützung den einzelnen Auszubildenden in solchen Situationen hilfreich ist. Zu erkennen, was hilft, um schwierige Situationen zu bewältigen und wie ich ’ticke’, wenn es mal eng wird, und auf welche Ressourcen ich zurückgreifen kann, das ist das Ziel des Klettertages.
Die anschließende Rückfahrt mit dem Bus zum Seminarort beträgt lediglich 30 Minuten. Ein kurzer Weg für erfahrungsreiche drei Tage. Und tatsächlich ist es herrlich, wieder im Bett zu liegen und zu duschen. Aber es ist anders herrlich.

Nach dem Frühstück am letzten Morgen gibt es noch ein ausführliches Feedback von allen Beteiligten zu den übernommenen Verantwortungsbereichen: Wie habe ich meine Rolle ausgefüllt? Was ist mir selbst dabei aufgefallen? Wie ist mein Verhalten bei den anderen angekommen? Und verständlicherweise werden immer wieder Bezüge zum Ausbildungsunternehmen bzw. zum Berufsalltag gezogen. Was von dem, was ich hier kennengelernt habe, kann ich in meiner Ausbildung umsetzen? Wie werde ich das umsetzen? Wer kann mich darin unterstützen, falls ich noch einen kleinen Schups benötige?

 

Originaltöne (Namen sind alle anonymisiert)

„Das Abenteuer, was einem das ganze Leben in Erinnerung bleiben wird. Man ging bis an seine Grenzen und lernte, diese stets zu überwinden. An diese Woche werde ich mich immer erinnern.“ (Lukas)

„Wandern wird zwar keins meiner Hobbies werden, doch hat mich das ehrliche Feedback der Gruppe, die Erfahrungen mit Karte und Kompass sowie das Vertrauen zu den anderen geprägt, was mir in Zukunft für meine persönliche Entwicklung weiterhelfen wird.“  (Jana)

„Anschließend bleibt zu erwähnen, dass man aus dieser Zeit sowohl den eigenen Charakter besser kennenlernte als auch Eigenschaften aufgezeigt bekam, die noch verbesserungswürdig sind. […]“ (Laura)

 

Text: Martin Lindner